Umgezogen

Tapetenwechsel de luxe: RETTLAUA.de

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4. REWE Team-Challenge Dresden oder:Training wird überbewertet

Gestern fand die 4. REWE Team-Challenge Dresden statt. Eine recht gut gemeinte Veranstaltung, bei der von Jahr zu Jahr immer mehr Firmen teilnehmen – daher vermutlich auch das Pseudonym „Firmenlauf“. Die Strecke geht vom Kulturpalast über die Brühl’sche Terrasse, vorbei am Hygienemuseum, noch einmal ums glücksgas Stadion (über diesen Namen muss ich jedes Mal den Kopf schütteln) herum und dann hinein. Zu Beginn stehen 0km, im Stadion dann knapp 5km auf der Uhr.

Mit dem Laufen habe ich es ja nicht so. Laufen allgemein bekomme ich schon noch hin, aber das sportlichere Laufen… wir werden irgendwie nicht so wirklich Freunde. Aber wir akzeptieren und tolerieren einander und so kam es, dass ich mich auch in diesem Jahr wieder dazu angemeldet habe. Meine Vorbereitung war… Moment… welche Vorbereitung eigentlich? Also das letzte Mal bin ich im vergangenen Jahr gelaufen, nämlich zur 3. REWE Team-Challenge Dresden🙂. So machte ich mir dann auch erst kurz vorm Start Gedanken, was ich und wie ich denn eigentlich laufen will. Das Ziel stand recht fix: Sub25.

Der Start war vollbracht. D.h. auf Grund der vielen Menschen, und der Tatsache geschuldet, dass ich nicht mit unter den ersten schnellen Läufern starten konnte, weil ich in den letzten beiden Jahren die 5km nicht unter 18 Minuten (glaube) gelaufen bin – ja eigentlich noch nie gelaufen bin, ging es für mein Team und mich dann erst gegen 20:20 Uhr los.

Vorbei an den langsameren Läufern und Läuferinnen, immer an der Seite entlang, da schien man am besten durchzukommen… und anhalten. Das ist mir mehrmals passiert, dass ich tatsächlich anhalten musste, weil einfach kein durch- oder eher vorbeikommen war. Naja, bei so einer spaßigen Veranstaltung stört mich das nicht wirklich. Allerdings glaube ich, dass die Teilnehmerzahl nun so langsam aber sicher ihren Zenit erreicht hat.

Plötzlich ein „Hallo Martin, persönlich nochmal herzlichen Glückwunsch zur Geburt…“ – der Daniel. Abklatschen. Er hatte einen sehr lockeren Lauf, erzählte völlig entspannt, während ich meinen Rhythmus auch gefunden hatte nach 1km, aber bei weitem nicht so gut laufen und sprechen konnte wie er. Dann hat er mich ein wenig gezogen. Leider habe ich ihn dann auch nicht mehr wiedergesehen für einen ausgiebigeren Plausch. Ich werde einfach mal trainieren und dann kann ich nächstes Jahr mit ihm mithalten und mich auch mit ihm 20 Minuten unterhalten🙂.

Wasserstelle links liegen lassen, ich werde schon nicht vertrocknen. Der letzte Kilometer vorm Stadion war sehr eng. Vorbildlich waren die Läufer, denn ich habe zumindest niemanden gesehen, wie er in nicht abgesperrten Kurven über die Grünfläche abgekürzt hat. Und dann ging es ums Stadion, wo ziemlich viele Zuschauer für eine recht ausgelassene Stimmung sorgten. Und zack, war ich im Stadion. Die Zieluhr zeigte irgendwas mit 42 Minuten an. Da ich, clever wie ich so bin, wenige Stunden vor dem Start meine Polar gesucht und auch gefunden habe, kommunizierte diese auch gleich mit mir „Batterie schwach“. Hm, also Überwachung war dieses Mal nicht möglich und das iPhone wollte ich nicht „mitschleppen“.

Schade war, dass die Angehörigen nicht mit auf den Rasen konnten oder durften. So musste ich meine Lieben draußen empfangen. Ok, war sicherlich auch besser so, aber dabei noch einmal auf den Zenit des Teilnehmerfeldes zurückzukommen: ich glaube das Stadion kann nicht wirklich viel mehr Läufer und Läuferinnen aufnehmen.

Die Kollegen des Teams kamen nach mir ins Ziel – mit beachtlichen Zeiten. Ich hatte als Ziel Sub25 gesetzt. Hat mich gefreut, dass es zwei geschafft haben. Der vierte im Bunde hat es zwar um fast 2 Minuten gerissen, ich bin dennoch stolz auf ihn, dass er sein Wort vom letzten Jahr gehalten hat und mitgelaufen ist.

PS.: Und den Christian (22:10), den hole ich mir im nächsten Jahr…

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2010 war ein sportlich erfolgreiches Jahr

Ja ja, die Jahresrückblicke. Pünktlich zum Jahresende schießen sie wie Pilze aus dem feuchtwarmen Waldboden. Sportlich betrachtet war es für mich ein ziemlich geiles Jahr. Egal ob beim Radsport, beim Tischtennis oder auch beim Laufen und den anderen kleinen Sportlichkeiten so nebenbei.

Obwohl der Januar eher suboptimal begann, nämlich mit einer Zwangspause, hat sich doch letztendlich alles zum Positiven entwickelt. Bis zum Höhepunkt der Saison war ja noch jede Menge Zeit, so dass ich das nicht als hinderlich ansah. Ende Januar dann die mehr oder weniger spontane Anmeldung zum Skoda Velothon Berlin. Bereits im Januar kribbelte es und ich bin runter von der Rolle, raus auf die Straße.

Sonne, blauer Himmel und ein Rennrad - was will man mehr?

Sonne, blauer Himmel und ein Rennrad - was will man mehr?

Der Februar stand dann ganz im Zeichen der Insel: Mallorca. Es ging mit Sack und Pack für ein paar Tage in wärmere Gefilde. Wenn ich daran zurückdenke… ich könnte glatt losfliegen, aber es scheitert am Pilotenschein und dem passenden Flieger😉 . Jedenfalls waren es ein paar sehr hilfreiche Kilometer und die ersten Sonnenstrahlen haben sich positiv aufs Gemüt ausgewirkt.

Ein Blick ins Hinterland, nordwestlich von Palma

Ein Blick ins Hinterland, nordwestlich von Palma

Der März war schrecklich… wettertechnisch. Das zeigt sich dann auch in der Kilometerleistung, da ich ja bekennender Schönwetterfahrer bin. Wobei… im Laufe des Jahres, hat sich das schon ein wenig geändert, muss ich gerade mit Erstaunen feststellen. Dennoch gab es quasi das erste Highlight: Herzlichen Glückwunsch – Du bist dabei! Schon gut zu wissen, dass das Trainingsziel am Ende auch prinzipiell bereitsteht – es beruhigt ein wenig und motiviert zugleich.

„April, April… der weiß nicht, was er will.“ So, oder so ähnlich, trifft es nach dem verregneten März dann auch auf den April zu. Zugegeben, es war schon etwas besser, aber mehr schlecht als recht durchwachsen. Na jedenfalls sind knapp 500km zusammen gekommen. Es traten so die ersten Zweifel auf (oder auch schon die zweiten Zweifel), was den Höhepunkt anbelangt.

Der Wonnemonat Mai. Vom Trainingsumfang auf der Straße, war er mit knapp 48h und 1.300km für mich der Hammer. Aber es war nicht der einzige Hammer in diesem Monat: So bin ich das erste Mal überhaupt eine Strecke über 150km gefahren, was mich im Ergebnis sehr nachdenklich stimmte. Weiterhin stand der Skoda Velothon Berlin an und… wie konnte es anders sein… unmittelbar am Tag zuvor der Radmarathon zur Augustusburg.

Thomas (@t_al) und meine Wenigkeit kurz vor dem Start

Thomas (@t_al) und meine Wenigkeit kurz vor dem Start

Juni… noch knapp 3 Monate bis zum Höhepunkt. So langsam sollte sich etwas tun. Wo fängt man vernünftiger Weise an? Richtig… am Material😀 . Gesagt, getan und so stand ziemlich schnell etwas neues, die Nummer 3, im Keller. So nutzte ich dann auch gleich die Chance und machte einen Abstecher nach Kärnten um ein paar Höhenmeter zu haschen. Letztendlich waren es schöne Tage… aber der Blick auf Ende August… der wurde immer grimmiger, aber zum Glück gibt’s ja Leute, die quasi die Gabe der Motivation in die Wiege gelegt bekommen haben😉 – stimmt’s bbbaschtl!?

Scott Addict R2

Scott Addict R2

Im Juli fand der Arber Radmarathon statt – den kann ich trotz des bissigen, welligen Profiles sehr empfehlen. Den Sturz habe ich ja auch verkraftet, war ja alles halb so wild. Einzig die Entscheidung zur Größe S des Trikots war dann doch etwas zu optimistisch. Das kann ich nur Indoor im Wohnzimmer auf der Rolle tragen… es ist nämlich im Prinzip bauchfrei😀 . Ende Juli waren es dann erneut knapp über 1.200km für diesen Monat.

Gute Planung ist die Wurzel allen Übels... oder so ähnlich (ja, auch das Rad schreibe ich auf)

Gute Planung ist die Wurzel allen Übels... oder so ähnlich (ja, auch das Rad schreibe ich auf)

Anfang August war es mal an der Zeit auf die Kilometer zu schauen. Zum Glück war das Ergebnis dann doch positiv, so dass ich die 4.500km mit 5.000km dann doch schon erreicht hatte. Tja, der August… am Ende des Monats stand der Höhepunkt. Ich bin etwas früher hingefahren, um mich ausreichend zu aklimatisieren (was für ein tolles Wort). Ich war mir damals nicht sicher, ob das wirklich so clever ist. Letztendlich hat mir diese Entscheidung nicht geschadet. Ich bin noch etwas herumgerollert, den ein oder anderen Berg rauf und auch runter und ich hatte auch ein klein wenig das Gefühl von Urlaub🙂 .
Dann war es endlich soweit: der Höhepunkt, der Ötztaler Radmarathon, war da… ich verliere hier nicht viele Worte dazu, denn besser als damals, könnte ich es auch heute nicht wiedergeben.

Zielankunft, die Arme gingen noch nach oben

Zielankunft, die Arme gingen noch nach oben (Foto: http://www.sportograf.com)

So, damit war der Höhepunkt des Jahres erreicht, die Ziele wurden ebenfalls erreicht und… moment… wir haben ja erst Ende August… da folgt doch noch mindestens der September. Über diese mehr oder weniger schmerzherfte Erfahrung muss auch berichtet werden. Im Prinzip ging es nach dem Ötztaler Radmarathon in eine dreiwöchige Pause um dann im Mittelgebirge festzustellen, dass das nicht sonderlich clever war.

Ja das war’s dann aber eigentlich mit den erwähnenswerten Ereignissen 2010. Oktober bis Dezember ist zwar schon noch ein wenig passiert, aber eine Pause muss nicht wirklich beschrieben werden und der Trainingseinstieg auch nicht wirklich.

Eigentlich kämen jetzt wunderhübsche Diagramme. Ich verzichte (fast vollständig) darauf. Ich kann stolz verkünden, dass ich dieses Jahr

  • knapp 6.700km und 248h auf der Straße,
  • knapp 1.000km und 50h auf der Rolle,
  • sehr gute 32km und 2h auf dem Mountainbike😀
  • und gut 31h auf dem Spinningbike verbracht habe

Außerdem bin ich für mich erstaunliche 150km und 20h gelaufen.

Rennrad Statistiken

Und 2011? Tja… wie gesagt… das Training hat begonnen…😉 .

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29. Heidenauer RTF

Und in diesem Jahr war ich nun endlich auch dabei. Letztes Jahr wollte ich, war auch mit einem Kollegen verabredet, aber als er einen Tag vorher absagte, konnte ich mich nicht überreden allein so extrem zeitig aufzustehen. Start sollte dieses Jahr wieder in Heidenau am Pestalozzi-Gymnasium sein. Es sollte keinen Massenstart geben, sondern ein Startfenster von 9 bis 11 Uhr. Die Anmeldung war nur am Tag der Veranstaltung ab 8 Uhr möglich.

Verabredet war ich erneut mit dem Kollegen. Meiner Aussage, dass ich gegen 8 Uhr da bin, konnte ich bis auf 37 Minuten Verspätung gerecht werden. Ich kam gerade von der Startunterlagenausgabe, bei der ich lediglich 7 € für die 160er Strecke berappen musste, stiefelte zu meinem Rad und erspähte auch meinen Kollegen. Ich winkte ihm fröhlich zu, machte ihm klar, dass ich nur mein Rad hole und mir die Nummer am Rücken anbringen werde. Start sollte ja ab 9 Uhr sein und es waren noch gute 8 Minuten Zeit. Doch was passierte? Plötzlich setzten sich quasi alle in Bewegung!? In dieser Situation war ich in meinem noch anhaltenden morgendlichen Schlafzustand leicht überfordert. Die Feinmotorik war auch noch nicht auf der Höhe, so dass ich bereits am Öffnen der Sicherheitsnadeln scheiterte… eine Entscheidung musste her. Die Entscheidung war schnell gefunden und einfach: Sicherheitsnadeln fallen lassen, Startnummer falten und einstecken und losfahren😀 . Gedacht und gemacht.

Meinen Kollegen hatte ich natürlich nicht wieder gesehen und das Vorhaben ihm nach vorn zu folgen, hätte nur schief gehen können. Mir war klar, dass er in der Spitzengruppe mitfahren würde. Hinzu kam, dass wir an roten Ampeln auch anhalten mussten, denn die Strecke war nicht gesichert. Ab und zu entschied ich mich dennoch bei rot zu fahren, da ich einfach nur unheimlich Schiss habe, dass hinter mir einer mein Bremsen nicht mitbekommt und mich Leichtgewicht einfach niedermetzelt.

Es war frisch, aber die Sonne kitzelte mit ihren wenigen Strahlen ab und zu. Unangenehm war der Wind. Egal wie wir fuhren, es war gefühlt immer Gegenwind. Ich war auf der Suche nach einer angenehmen Gruppe. Doch irgendwie wollte es mir nicht gelingen. Kaum fand man einen, bei dem man dachte „jo… das könnte passen“ entschied sich dieser wenige Sekunden später „davon“ zu fahren, d.h. 20m vor mir zu fahren. Jetzt hätte man die Lücke zufahren können, aber ich wusste ja, dass es 150km und knapp 2.000Hm sein würden – weshalb also bereits früh morgens im Wind tot fahren? Andere schlossen sich mir an… und waren dann aber auch der Meinung, ich sei zu langsam. Genau, erst lutschen und dann abdampfen… Und ganz andere waren einfach zu schnell für mich. So entschloss ich für mich Folgendes: ich fahre die 150km allein. Vom Kopf her stellte ich mich darauf ein, mit dem Wind im Hinterkopf und der zunehmenden Frische, da die Sonne immer seltener zu sehen war.

Ratzfatz war Bad Schandau erreicht. Kilometertechnisch ungefähr die Hälfte. Höhenmäßig wurde es ab hier nochmal einen Zacken schärfer. Und ich merkte, dass es nicht besonders clever war, in den drei Wochen zwischen dem Ötztaler und dieser RTF nur 3h auf dem Bock verbracht zu haben (aber es ging nicht anders).

Landschaftlich eine sehr eindrucksvolle Strecke, wie ich finde. Die Route wurde, wo es möglich war, über Nebenstraßen geführt. Aber auch asphaltierte Wald- und Wirtschaftswege waren im Angebot. So konnte man vollkommen entspannt (sofern es die Steigung zuließ) durch den ruhigen Wald, entlang eines Baches, rollern.

Ab ca. Kilometer 105 war ich wieder allein auf weiter Flur. Es schien, als sei ich der einzige bzw. der letzte Teilnehmer der 160er Strecke. Mir wurde ein wenig unwohl und ich stellte mir die Frage „Verdammt… wie langsam bist du denn heute eigentlich?“. Ich hielt mal an und verdrückte meine Banane. Und da tauchten plötzlich vier Leute auf. Meine Chance, dachte ich, denn sie würden mich gleich haben. Denkste… das dauerte noch viele Kilometer, bis sie mich endlich hatten. Dabei bin ich schon langsamer geworden, damit sie mich endlich kassieren… naja. Als es dann endlich soweit war, stellte ich fest, dass es nur noch drei Leute waren und zwei von Ihnen eine Alterssumme von knapp 135 Jahren haben mussten. Später stellte sich heraus, dass sie am Berg sehr langsam wurden und nicht im Wind fahren konnten. Egal… mir war wichtig, dass ich nicht mehr allein unterwegs bin.

Am höchsten Punkt der Tour startete die Gruppe wieder gemeinsam mit dem ein oder anderen Fahrer mehr im Schlepptau. Sehr schön. Wir rollerten schön dahin. Der Wind wehte um die Nase… herrlich. Als wir die Autobahn überquerten dachte ich mir so „wie bunt sehen wir wohl aus und wie cool fand ich das immer, wenn ich solche Leute als kleiner Junge gesehen habe“. Meine Beine wurden schwer… nein… falsch… meine Stampfer machten zu. Ich merkte das schon nach Breitenau hoch. Im Sitzen drohten die Waden dicht zu machen. Also raus aus dem Sattel, wobei dann allerdings die Oberschenkel drohten dicht zu machen und mir dies mit aller Deutlichkeit zu verstehen gaben. Die „Abfahrt“ hatte ein klein wenig Lockerung gebracht. Ich fuhr ganz hinten. Der Fahrer vorn war für meine Begriffe viel zu lange im Wind. Ich entschloss mich vorzufahren und löste ihn ab. Kaum im Wind meldeten sich die Stampfer. Denen habe ich aber diesmal mit aller Deutlichkeit zu verstehen gegeben, dass sie jetzt einfach mal die Klappe halten sollen. Solche Waschlappen aber auch – ehrlich. Es hat geklappt – man muss eben nur mal auf den Tisch hauen und klar machen, wer da die Hosen anhat😉 .

Mit der Zeit ging es tatsächlich immer besser und ich konnte die Gruppe nach Heidenau zurück führen. Habe sogar darauf geachtet, dass niemand verloren geht – manchmal bin ich einfach ein Guter. Und so kam ich letztendlich nach 6h wieder in der Start/Ziel-Passage an und war sehr froh, mich in meinen Ledersessel mit Lenkrad setzen zu dürfen🙂 .

Am Ende standen gut 2.300Hm auf 150km in 5h30min auf der Uhr.

Gefühlt war es wesentlich anstrengender als der Ötztaler… aber die Gründe dafür sind mir inzwischen bekannt.

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Hier hast du deinen Traum

Eins gleich zu Beginn: das Gefühl, die Emotionen, die Schmerzen… die der Ötztaler verursacht hat, kann ich nicht mit meinem Wortschatz nicht ausreichend beschreiben – aber ich möchte dennoch darüber berichten, denn es war einzigartig.

Die Tage vor dem Start habe ich im Prinzip nichts gemacht. Das Rad stand im Keller und ich wurde durch die viele Zeit immer nachdenklicher. Zwangsläufig fing die Rechnerei an, wann ich wo sein müsste, um mein Ziel Sub11 zu erreichen. Schwachsinn, denn ich starte das erste Mal, kenne nur einen Teil der Strecke „persönlich“ und den anderen Teil nur von Erzählungen. Am Samstag der Kette den letzten Schliff gegeben und es ging gegen 22 Uhr ins Bett. Das Einschlafen dauerte ein wenig… ich drehte mich von links nach recht, von rechts nach links… und wieder zurück und im Hinterkopf immer die Gewissheit „Dieser kleine miese Wecker… der schrillt pünktlich um 4 Uhr!“.

Sonntag, wie erwartet pünktlich um 4 Uhr morg… mitten in der Nacht… schrillte dieser kleine miese Wecker. *Klatsch* – die Schlummertaste, mein bester Freund. Um 4:15 Uhr stand ich dann endlich auf. Der erste Blick ging aus dem Fenster. Was macht das Wetter? Nur keinen Schnee, Regen oder sonstwas… Es war dunkel. Ok, soweit erstmal gut. Die ersten Fahrzeuge waren schon unterwegs. Mein Kollege meinte dann zu mir, dass die Straße abzutrockenen schien. Ich war froh.

Nach dem Frühstück ging es ans Ankleiden. Hemd, Trikot, Armlinge, Knielinge, Buff fürs Köppl, lange Handschuh (die kurzen Handschuhe am Bauch verstaut), Windweste, Regenjacke und Schuhspitzen. Fertig. 5:30 Uhr rollten wir in der Dunkelheit zum Start. Ich hatte mir noch eine Trainingsjacke übergezogen, die mich ein wenig wärmer halten sollte. Es sind 4°C – im Kühlschrank ist es wärmer.

5:45 Uhr, wir rollten in den Startbereich. Was für ein Gefühl… so kurz bevor es ernst wird. Unheimlich… gespenstig… ich glaube, das trifft’s ganz gut. Gegen die Auskühlung hilft nur Zappeln, das hielt ich nicht lange durch, es war ja auch wenig Platz um mich. Die Stimmung um mich herum: verschlafen, wen wundert’s. Ich hatte vermutlich auch noch das Kopfkissen im Gesicht. Meine Kollegen meinten, man sieht mir die Anspannung an. Ja, ich war angespannt, galt es doch die selbst gesteckten Ziele zu erreichen.

Mit der Zeit wurde es auch in Sölden heller. Man erkannte, dass die umliegenden Berge leicht gepudert waren. Schnee. Ok, abwarten, schön aufpassen wie ein Luchs und lieber einen Gang zurückschalten – es geht im Prinzip um Nichts, außer um die Gesundheit. Die Leute wurde gesprächiger. Offensichtlich versuchten einige damit die Anspannung zu lösen. Bei mir keine Chance. Ich war mit Anspannung und Konzentration bis in die Haarspitzen bewaffnet.

6:25 Uhr, der innere Druck nahm zu… und ich suchte die Toilette auf😀 . Um 6:30 Uhr starteten die 30 Classic-Fahrer. Man wünschte sich gegenseitig Glück, Erfolg und vor allem eine unfallfreie Fahrt.
6:45 Uhr folgte der Kanonenschlag, der Startschuss. Das Feld stand. 6:50 Uhr begannen wir uns in Bewegung zu setzen. Holzauge, sei wachsam. Einige eiern herum… pass auf… links… bremsen… ja… klappt… wir rollen durch Sölden. Die Zuschauer stehen am Rand und jubeln… dabei hat man noch nichts erreicht, außer gestartet zu sein – ich verstehe es noch nicht. Wir verlassen Sölden… es wird ruhig… bis auf das Surren der Ketten…

Die ersten Kilometer von Sölden hinunter nach Ötz

Die ersten Kilometer von Sölden hinunter nach Ötz (Foto: sportograf.com)

Kurz nach Sölden ein kleiner Tunnel, das Feld wird langsamer… nach dem Tunnel gab es bereits den ersten Unfall. Zwei Fahrer stehen quer mitten auf der Bahn… aufpassen… nimm dich zurück Martin… die Augen müssen überall sein. Vorbei… geschafft. Wir „rollern“ mit 40-70 km/h Richtung Ötz. In Längenfeld werden wir erneut von Zuschauern mit Rasseln, Klatzschen, Jubeln und was es nicht alles gibt begrüßt und auch gleich wieder verabschiedet. Diese Stimmung… ich kämpfe mit mir selbst… mit meinen Gefühlen und Emotionen. Es berührt mich, diese Stimmung. Zusammenreißen, die Augen sollten nicht feucht werden, nicht jetzt und nicht hier – zu gefährlich.

Es geht weiter im Tal nach Ötz. Kurz vorm Ortseingang die ersten Kehren. Kritisch… wie verhalte ich mich, wie verhalten sich die anderen. Übertreiben es einige, untertreibe ich? Rücksichtsvoll geht es durch. Der Kreisverkehr naht, der Abzweig zum Kühtai. Ich halte vorher an und enteldige mich meiner Regenjacke. Der Anstieg wird anstrengend, ich werde sicherlich warm laufen, Windweste und Armlinge müssen reichen. Alles verstaut und auf geht’s.

Ich rolle über die Matte am Fuße des Kühtai. Einige waren nicht so clever wie ich und beginnen nun sich ihrer Jacken im Anstieg zu entledigen. Es ist sehr eng, die Fahrer stehen teilweise einfach im Weg. Weider gilt es aufpassen… sei wachsam wie ein Luchs. Es rollt. Da bin ich nun… im ersten Anstieg… von vier… noch ca. 200km vor mir, laut Planung noch maximal 10h Fahrzeit. Die Gedanken weichen, der Blick geht auf den Puls. Halte dich an den Puls. Fahr dich nicht tot. Knapp unterhalb der aeroben Schwelle ist die Ansage des inneren Tempomachers. Es gelingt einigermaßen. Ich fühle mich gut. Man sieht seine Atemluft. Die Luft ist kalt. Die Stimmen verstummen. Es atmet nur noch. Der eine mehr, der andere weniger.

Der Kühtaisattel... woher der Name wohl kommt

Der Kühtaisattel... woher der Name wohl kommt (Foto: sportograf.com)

Die Sonne kommt hervor. Sie blendet. Die Brille beginnt anzulaufen. Ich sehe nichts mehr, muss sie ein wenig vorrücken – da blendet aber die Sonne. Ein Teufelskreis. Der Kühtai macht seinem Namen alle Ehre: die ersten Kühe stehen am Rand. Oberhäuptling der fünf Kühe macht kräftig „Muuuuuuuhhhhhh“ – im Prinzip antwort jeder Fahrer mit einem kräftigen „Muuuhhh“😀 . Das war er, der Beweis: es handelt sich tatsächlich um über 4.000 Bekloppte, die sich früh morgens bei 4°C einen Berg hochquälen. Und ich mitten drin. Was für ein Gefühl.
Ich höre Musik. Wir kommen am Stausee vorbei. In der nächsten Kurve steht ein RedBull-Fahrzeug. Die Lautsprecher sind schlecht, aber der Takt ist super. Wie von allein fahren die Beine im Takt – herrlich. Dann das Schild „Willkommen im Kühtai“. Angekommen? Nein, denn nach der Kurve tut sich nochmals eine Gerade zu einer kleinen Wand auf. Zuschauer bevölkern den Straßenrand. Es wird laut… ich rolle über die Zeitmatte und die erste Labestation ist erreicht. Ich habe einen strickten Plan erhalten. Lediglich Wasser auffüllen. Eine Flasche leer, die zweite im Prinzip auch – alles im Plan, für mich schlechten Trinker (und das bei diesen eisigen Temperaturen).

Neben Kühen gibt's aber auch Pferde am Kühtai

Neben Kühen gibt's aber auch Pferde am Kühtai (Foto: sportograf.com)

Auf geht’s in die Abfahrt nach Kematen. Lass es rollen, verpass den Anschluss nicht, aber nutze die Zeit zur Erholung. Iss! Alles erledigt. Knapp 30 Minuten später rollen wir aus der Abfahrt. Wieder Zuschauer am Rand… Die Sonne geht über Innsbruck auf… es scheint doch ein schöner Tag zu werden – zumindest, was das Wetter angeht. Den Rest… abwarten. Im Kreisverkehr geht’s weg nach Innsbruck. Ich habe eine große Gruppe. Gut für diese oft gegenwindlastige Strecke. Man wechselt sich ab. Und schon ist Innsbruck erreicht, wo es direkt zum Brenner geht.

Der Anfang ist mit das steilste Stück des Brenners. Die Gruppe rollt hinauf. Schienen… wir passieren sie… wir, d.h. die ersten 5-10 Leute der Gruppe. Dann kracht es. Keiner von uns schaut zurück. Nur gut, sonst hätten wir uns vermutlich auch noch hingelegt. Die Schienen stoppten also einige. Man wechselte sich wieder ab mit der Führungsarbeit. Das Tempo stieg an, die Sonne ebenfalls. Die Armlinge konnten runter, die Windweste geöffnet.
Mühlbachl, Matrei, Steinach… es war kurz vom Mittag. Die Anwohner waren unterwegs, die Touristen saßen in den Cafés. Und dann kamen wir und surrten an ihnen vorbei. Die Stimmung war genial – sehr beeindruckend. Immer wieder ein „Hopp, hopp, hopp!“… „Sehr gut… stark“… „Alléz alléz alléz“ – das geht runter wie Öl. Und da war er, der flachste „Gipfel“ der vier, der Brenner. Die Labestation glich einem Schlachtfeld… überall Bananenschalen, Becher, Müll… ich schnell an die Box, beiden Flaschen mit Wasser auffüllen, drei halbe Bananen greifen und weiter.
Italien… schön warm, war es, aber für die Abfahrt kamen die Armlinge hoch. Zwei Banane reingedrückt, die andere in die Trikottasche gedrü… zermatscht. Egal – der Wille zählt. Die Powerbar Riegel ließen sich schwer essen. Sie schienen kurz vom Gefrierpunkt zu sein – fuhr ich zu schnell? So hart habe ich sie noch nicht erlebt. Hinunter ging es nach Sterzing.

Perfektes Wetter - Glück gehabt, wie wir heute wissen

Perfektes Wetter - Glück gehabt, wie wir heute wissen (Foto: sportograf.com)

Lange Handschuhe in der Mittagszeit, ja das passt

Lange Handschuhe in der Mittagszeit, ja das passt (Foto: sportograf.com)

In Sterzing rechts weg… der Abzweig zum Jaufenpass. Die Armlinge gingen wieder runter. Es war… warm… angenehm warm. Die Beine funktinierten. Ich fühlte mich gut… richtig gut. Ich begann zu rechnen. 11h sollte machbar sein, realistische Einschätzung. Aber, Martin… du weißt nicht, wie es dir am Jaufenpass und dem 30km langen Timmelsjoch geht. Dran bleiben. Beißen. Kämpfen. Und so war ich im unteren Bereich des Jaufenpasses angekommen. Im Wald war es angenehm. Die Sonne brannte hier nicht, aber die Steigung begann sich in den Beinen bemerkbar zu machen. Immer wieder ging der Blick auf den Puls, die Atmung… das Tempo. Es ging… es war schwer, aber es ging. Da, ein Hirsch im Wald… haben wir ihn mit den surrenden Ketten verschreckt? Jedenfalls schien er zu flüchten… mit seinem imposanten Geweih.

Kauen kauen kauen!

Kauen kauen kauen! (Foto: sportograf.com)

Telefonisch wurde mitgeteilt, wo man auf der Radtour reingeraten war ;-)

Telefonisch wurde mitgeteilt, wo man auf der Radtour reingeraten war😉 (Foto: sportograf.com)

Die Labestation am Jaufenpass: Anfahren am Berg und noch ca. 1.000m bis zur Passhöhe

Die Labestation am Jaufenpass: Anfahren am Berg und noch ca. 1.000m bis zur Passhöhe (Foto: sportograf.com)

Das Restaurant Jaufenhaus - aber keiner von uns kehrte ein

Das Restaurant Jaufenhaus - aber keiner von uns kehrte ein (Foto: sportograf.com)

Das Dörfchen Calice ist erreicht. Doch das Ende des Jaufenpasses noch lange nicht. Wieder ging es in den Wald… es wurde gefühlt steiler. Der kleine Hunger kam. Obwohl in jeder Abfahrt ein Riegel dran glauben musste und im Anstieg ein Gel kam. Jetzt anhalten? Der Wald öffnet sich, ich sehe die Labestation. Jetzt anhalten geht nicht. Ich komme hier nicht wieder los, ich verliere unnötig Zeit. Doch was war letztens mit dem Hungerast? Hat der dich nicht aus der Bahn geworfen? Ja, hat er… aber es muss jetzt so sein…

Die Labestation erreicht. Wasser nachfüllen, eine leichte Apfelschorle machen. Kurze Erholungspause gönnen. Mir reicht man eine Cola, die ich dankend annehme… leer. Man reicht mir ein RedBull… ich nehme es… überlege kurz… überlege länger… und stelle es bei Seite. Das könnte jetzt meinen Magen durcheinander bringen – Finger davon lassen. Nimm nur das, was du sonst auch kennst. Weiter geht’s. Anfahren im Anstieg kann schwer sein – vor mir stürzt bei diesem Versuch gleich einer… kippt einfach um. Ich bekomme es hin und rolle… mehr oder weniger. Die letzten Meter bis zur Passhöhe… herrlich… dieser Blick nach St. Leonhard runter. Man hat uns vor der Abfahrt gewarnt: Längsrillen, relativ schlechter Zustand der Straße. Ich werde von vielen überholt. Vor jeder Kurve der Schulterblick, ob da nicht noch einer kommt. Ich schließe mich zwei weiteren langsamen Abfahrern an. Wir rollen gemeinsam ins Tal… Höhenmeter für Höhenmeter. Die Längsrillen sind da… es rupft am Rad… vorn wie hinten… es war die richtige Entscheidung langsamer zu fahren – in erster Linie willst du ankommen. In der Abfahrt verlorene Zeit kannst… könntest du immer noch im nächsten Anstieg rausfahren.

Panorama am Jaufenpass

Panorama am Jaufenpass (Foto: sportograf.com)

Der höchste Punkt zum Jaufenpass

Der höchste Punkt zum Jaufenpass (Foto: sportograf.com)

Es wird wärmer, fast heiß. St. Leonhard ist bekannt für die doch recht hohen Temperaturen. Der Puls sinkt – fein. Nur zum Essen komme ich nicht wirklich. Zu riskant bei den Bedingungen. Verschieben wir die Energiegewinnung auf den nächsten Anstieg.

St. Leonhard, das Ende des Jaufenpasses… der Anfang vom Timmelsjoch. Die Rechnerei beginnt erneut. Für die Abfahrt vom Timmelsjoch rechne ich grob mit 30 Minuten, blieben für den Anstieg gute 2,5h. Nein… das kann nicht sein, oder? Schaff ich das? Wobei… das wäre für eine 10er Zeit. Die 11er scheint mir „relativ“ sicher – sofern keine Panne folgt, kein Sturz oder sonstwas. Aber die 10h-Marke… das wär’s doch. Jetzt will ich’s aber auch wissen. Zumal im Vorfeld doch relativ viele der Meinung waren, dass ich eine Sub10 schaffe – nur ich war anderer Meinung bzw. habe gezweifelt. Und schon war ich im Anstieg zum Timmelsjoch.

Ein Blitz im Tunnel - war ich erschrocken

Ein Blitz im Tunnel - war ich erschrocken (Foto: sportograf.com)

Gleich zu Beginn anhalten, die langen Handschuh gegen kurze tauschen und Nahrung aufnehmen. Weiter geht’s. Aus Erzählungen wusste ich, dass es sich bis Moos relativ gut fahren lässt, es dann jedoch eine Stufe härter wird. Einfahren in Moos, an der Mauer vorbei und da sind sie… die ersten Kehren, deren Anblick die Muskelfasern beeindruckt, was diese mit einem Zusammenziehen klar machen. Ich beginne ernsthaft zu schwitzen, entscheide mich jedoch alles so zu lassen, denn die Kälte wird kommen – bestimmt. Immer häufiger stehen Fahrer am Rand, erledigen ihre Geschäfte oder versuchen sich auch einfach zu erholen. Man rollt an den feinsten Rennmaterialien vorbei – es gibt so einige Hersteller, die es einfach verstehen ein hervorragendes Design zu zaubern: Pinarello zum Beispiel. So fuhr ich eine Weile hinter zwei älteren Herren her, die beide auf einem Pinarello Dogma 60.1 saßen, eins weiß/blau, das andere weiß/signalrot. Doch dann besann ich mich meiner Ziele und ich „stürme“ vorbei. Es ist soweit, ich bin besessen. Besessen von der Vorstellung anzukommen, die Sub11 zu packen und vielleicht sogar die Sub10. So schraube ich mich Kurve um Kurve, Höhenmeter um Höhenmeter nach oben, vorbei an fluchenden, hechelnden und auch wütenden Fahrern. Ich lasse mich nicht beirren. Der Blick immer wieder zum Puls, dem Tempo, der Zeit und der Steigung – nur nicht übertreiben, jetzt so kurz vorm Schluss… vorm Ziel… vorm Traum.

Die Labestation Schönau kommt bestimmt bald.

Die Labestation Schönau kommt bestimmt bald. (Foto: sportograf.com)

Hinter der Kurve erscheint die Labestation Schönau. Wie gewohnt ist das Ziel auch hier: Wasser und Bananen. In wenigen Minuten ist alles erledigt. Noch schnell ein kurzer Blick auf die andere Seite des Tales, wo sich das Timmelsjoch erhebt. Gigantisch, dieser Anblick. Doch noch bevor ich länger darauf schauen kann und womöglich noch Angst bekomme, rolle ich schon wieder. Ich überquere die Timmelsjochbrücke… ab hier wird’s nochmal hart… knackig hart… oder auch einfach nur steil. Jeder Meter tut weh. Die Waden zwicken, die Oberschenkel zwacken und der Nacken scheint angespannt. Der Kopf geht samt Blick nach unten… es gibt keinen Blick zur Seite oder nach oben, denn es gibt nur noch mich, mein Rad und den Asphalt. Im Kopf spielt sich ein Kopfkino ab. Es schießen mir Dinge durch den Kopf… ich denke an meine Trainingseinheiten… und lenken, die Kehre kommt… meine Eltern… meine Freunde… meine Trainingskollegen… gefolgt vom Griff zur Wasserflasche, nimm zwei drei Schluck… an all diejenigen, die in den letzten Monaten zurückstecken mussten, es einfach getan haben ohne zu meckern… und dennoch an mich geglaubt haben… mich unterstützt und bekräftigt haben… und wieder lenken, die Pedalerie arbeitet wie ein Uhrwerk… der Hubschrauber taucht auf, mein Blick löst sich vom Asphalt und ich erblicke neben dem Hubschrauber den wunderschönen Blick. Der Hubschrauber dreht ab und mein Blick geht wieder zum Asphalt. Das Kopfkino breche ich ab… meine Augen werden feucht – auch hier kann ich es nicht gebrauchen. Aber genau diese Gedanken aus dem Kopfkino sind es, die mich nun antreiben. Meter für Meter… Von der Timmelsjochbrücke sind es noch knapp 10km bis zur Passhöhe.

Im Hintergrund eine der vier Trikotleinen am Timmelsjoch

Im Hintergrund eine der vier Trikotleinen am Timmelsjoch (Foto: sportograf.com)

Ich kenne die Stelle, an denen die ersten Trikots auf der Leine kommen und da ist sie auch schon, die erste Leine von vier. Ein Ruck durchzieht meinen Körper. Ich fahre außen in den Kehren, wähle bewusst den längeren Weg um evtl. ein klein wenig verschaufen zu können, nur nicht zu viel drücken oder ziehen. Bald kommt die zweite Leine mit Trikots… allerdings zieht es sich… mit dem Auto war es schneller. Ich schalte zwei Gänge runter und gehe aus dem Sattel. Nur gut, dass ich nach unten schaue… so verbissen wie ich aussehen mag, sollte mich niemand sehen. Ich habe mich selbst noch nicht so erlebt. Ich weiß, dass ich kämpfen kann und ich weiß auch, dass ich ehrgeizig bin. Aber diese Kombination hier aus kalkuliertem Kampfgeist und Konzentration auf das Wesentliche… eine neue Erfahrung für mich. Ich setze mich wieder und schalte auf der 28er Pizzablech. Durchatmen. Der Rhythmus ist wieder da – es läuft. Die zweite Trikotleine passiere ich soeben. Auch hier stehen Zuschauer am Rand, vermutlich sind es Mitglieder der Teams anderer Fahrer. Es scheint sie aber nicht zu stören oder davon abzuhalten mich anzufeuern. Ich zeige darauf keine Reaktion, ich sauge lediglich die Motivation auf – das brauche ich und fühlt sich wie Super Plus an. Ich passiere noch die beiden verbleibenden Trikotleinen… mal im Sitzen, mal im Wiegetritt… mal ruhig atmend, mal ordentlich pumpend. Der Puls geht nicht mehr wirklich hoch – ist mein Herz am Ende? Dann heißt es jetzt zurückhalten. Gleich bist du oben… oben heißt auch fast am Ziel… also komm… quäl dich kontrolliert hoch.
Und da ist auch schon der Tunnel, in den ich einbiege. Ab hier sind es noch ca. 3 km, wenn ich mich nicht irre… es spielt keine Rolle. Symbolisch ist das Licht am Ende des 400m langen Tunnels. Die Öffnung wird größer… und die Welt hat mich wieder. Die letzten Meter geht es relativ flach auf die Passhöhe.

Die letzten Meter des Timmelsjoch schmerzen

Die letzten Meter des Timmelsjoch schmerzen (Foto: sportograf.com)

Das Timmelsjoch und ich... wir werden noch Freunde

Das Timmelsjoch und ich... wir werden noch Freunde (Foto: sportograf.com)

2.509m hoch, ca. 1.700Hm auf 31km: Timmelsjoch

2.509m hoch, ca. 1.700Hm auf 31km: Timmelsjoch (Foto: sportograf.com)

Am Timmelsjoch sitzt wohl eine Schulfreundin aus der 4. Klasse… Jahre ist es her… halte die Augen offen… Auf der Mauer sitzen Fans und feuern jeden an. Und siehe da, ich erspähe die Schulfreundin und winke ihr solange, bis ich ihrem Gesichtsausdruck entnehme, dass sie mich erkannt hat. Wie geil ist das denn? Ich muss erst den Ötztaler fahren, um sie nach 15 Jahren wieder zu sehen!? Verrückte Welt. Windweste zu, Armlinge hoch und ab in die Abfahrt. Aufpassen auf die Kühe, Schafe und Ziegen. Doch heute zum Glück nichts von all dem zu sehen… oder ich bin zu schnell. Es wird frisch… der Wind bläst ordentlich entgegen. Vermutlich heißt die Ecke kurz vorm Gegenanstieg zur Mautstation gerade deshalb Windeck… doch ich habe keine Zeit länger darüber nachzudenken. Die Zeit sitzt mir im Nacken. Die Sub11 habe ich, doch was macht die Sub10. Ich hämmere auf dem großen Blatt in den Gegenanstieg. Schalte Stück für Stück runter, sobald die Beine drohen komplett zu zumachen. Es ist irgendwie ein irres Gefühl bis an die Krampfgrenze zu fahren und sich so zu kontrollieren, dass es nicht zum Krampf kommt. Die Kraft lässt nach. Diese paar Höhenmeter sind wie Parasiten, die mir die letzten Kraftkörner rausziehen. Es schmerzt, es brennt… da sind meine Eltern im Kopfkino… und es rollt. An der Mautstation vorbei geht’s ins Tal. Bergab ist keine Erholung abgesagt. Es zählt die Zeit. In wenigen Minuten bin ich im Ziel, also gib alles. Der Wind ist fies, es ist hart. Wir sind zu viert und versuchen uns so gut es geht in der Führung abzuwechseln. Keiner von uns ist noch richtig fit – man sieht und spürt es. Die letzten Kehren der Abfahrt. Jetzt nur keinen Fehler machen, auf jeden Fall hochkonzentriert bis zum Ziel und auch noch nach der Ziellinie.
Dann kommen die allerletzten Höhenmeter für heute. Es sind vielleicht 20 oder 30, ich weiß es nicht… aber versuche die einfach wegzudrücken. Es gelingt, obgleich alle Muskeln melden, dass es nicht platt war. Zu zweit fliegen wir nach Sölden ein. Die Hauptstraße ist frei, Zuschauer links und rechts. Ich fahre nochmal vor, muss dann aber den Mitstreiter vorbei lassen – ich bin am Ende… körperlich, moralisch… einfach am Ende. Wir biegen rechts ab, über die Brücke und da ist es, das Ziel… der Zielbogen. Ich reiße verhalten meine Arme nach oben und freue mich… zumindest innerlich, denn äußerlich bin ich zu keiner Mimik oder Gestik im Stande. Der Moderator sagt etwas von „… 9h58min und damit unter 10 Stunden… hervorragend…“

Zielankunft, die Arme gingen noch nach oben

Zielankunft, die Arme gingen noch nach oben (Foto: sportograf.com)

Das Ziel: die Erleichterung sieht man mir an... teilweise ;-)

Das Ziel: die Erleichterung sieht man mir an... teilweise😉 (Foto: sportograf.com)

Ich steige vom Rad, atme tief durch und nicke freundlich zum Bock, als ich es an die Hauswand stelle. Ich laufe… oder krauche… jedenfalls bewege ich mich zum Verpflegungsstand, an dem ich mich gleich mal mit der linken Hand fest verankert habe um mit der rechten ein Kuchenstück nach dem anderen einzuwerfen. Nach dem gefühlten 15. Stück hole ich den Bock und rolle heim.

Offiziell bestätigt wird mir eine Zeit von 10h4min. So geht dann ein Tag zu Ende, den ich auf keinen Fall vermissen möchte. Und bevor die Frage kommt, ob ich mir diese Qual noch einmal antun würde, möchte ich antworten mit: ich habe einen Traum.😉

Nur zwei Tage später sah es in Obergurgl am Timmelsjoch so aus (man, hatten wir ein Glück mit dem Wetter):

Obergurgl am 31.08.2010

Obergurgl am 31.08.2010

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Startunterlagen und der Respekt vorm Berg

Seit 10Uhr konnte man sich nun heute die Startunterlagen abholen. Abgesprochen war, dass wir um 10Uhr loslaufen. Doch um 10:45Uhr war beim Kollegen niemand im Zimmer, alles verrammelt. Ich ahnte schon, wo er ist – doch dazu später mehr.

Ausgabe der Startunterlagen

Ausgabe der Startunterlagen

Wir sind also zu dritt in die Tennishalle. Vorbei an vielen schicken ausgestellten neuen und alten Rennrädern. Das ist was fürs Auge – herrlich. Wenn man auch überlegt, mit was für Gefährten die Leute früher über die wesentlich schlechter ausgebauten Pässe gefahren sind… da können wir heute mit unseren leichtgewichtigen Kohlefaserprinnten einpacken.

Ausstellung des Deutschen Fahrradmuseeums

Ausstellung des Deutschen Fahrradmuseeums

Die Startunterlagen waren nach wenigen Minuten in Sack und Tüten. Als wir gehen wollten… erspähten wir den Kollegen, der um 10 Uhr und 10:45 Uhr nicht da war. Er meinte „… ich musste nochmal an den Rettenbachferner…“ und ich sagte nur so „Wusste ich es doch, dass du es nicht lassen kannst :-D“. In der Abfahrt hatte er noch einen Platten am Vorderrad, aber alles überstanden.

Zurück in der Unterkunft ging es dann los zum Timmelsjoch… mit dem Auto versteht sich. Das Mistwetter hier war dazu einfach perfekt. Im Prinzip hat man nüscht gesehen. Die Radler, die noch unterwegs waren, schienen mir… wie soll ich sagen… mir wäre das nix gewesen, bei dem starken Regen und dem Wind. Nach der Mautstation, kurz vor der Passhöhe mussten wir dann anhalten. Auf uns kamen die Kühe zugestürmt, die vermutlich ins etwas wärmere Tal wollten. Im Auto sitzend bekommt man nur ein bisl Angst… wenn das am Sonntag passiert… also rein gewichtstechnisch bin ich diesen Viechern aber total unterlegen😀 . Weiter ging’s auf der italienischen Seite. Bergab im Auto konnte man nur Näherungsweise eine Vorstellung bekommen. Im Tal angekommen, gab es beim Brückenwirt eine total leckere Pizza. Frisch gestärkt ließen wir den Jaufen nun doch sein und nahmen direkt das Timmelsjoch wieder in Angriff.

Das Timmelsjoch - aus meiner Sicht: The Wall

Das Timmelsjoch - aus meiner Sicht: The Wall

Da oben geht's hin

Da oben geht's hin

Wie soll ich sagen… ich versuche die Auffahrt mal in ein paar wenigen Worten zusammenzufassen: beeindruckend, erschreckend, grandios, beängstigend… ich glaube die treffen meine Gefühlswelt ganz gut. Von der Labestation in Schönau kann man sehr gut auf die Serpentinen blicken, die einem dann noch bevorstehen. So im Nachhinein hätte ich mir das glaube nicht ansehen sollen… es ist einfach nur eine Wand, in die man einen Weg gemeiselt hat. Nunja, wir sind also wieder auf die Passhöhe. Das Wetter hatte sich inzwischen gebessert und die Sonne war zu sehen. Herrliche Blicke in die Alpen. Heute hatte ich noch Zeit und Kraft dafür, am Sonntag werde ich wohl keinen Blick dafür übrig haben – wie ich mich kenne, werde ich zu kämpfen haben, dass dafür keine Kraft, Zeit u.ä. verfügbar sein werden.

Laut Plan kommen wir da hoch...

Laut Plan kommen wir da hoch...

... können bei gutem Wetter auch den Blick genießen...

... können bei gutem Wetter auch den Blick genießen...

... wobei es fraglich ist, ob bei dem Anstieg Zeit zum "Rumgucken" bleibt.

... wobei es fraglich ist, ob bei dem Anstieg Zeit zum "Rumgucken" bleibt.

Die Abfahrt war dann ziemlich rasant, was sie wohl auch mit dem Rad wird. Vor der Mautstation kommt nochmal ein giftiger Gegenanstieg, der wohl noch mal einige Schmerzen verursachen wird. Nach der Mautstation geht’s eigentlich fast nur noch bergab, bis auf den kleinen Anstieg kurz vor Sölden, der hoffentlich nicht zum Genickbrecher wird.

Beunruhigend sind die Wettervorhersagen. Die Wetterberichte sind sich nicht einig. Der eine spricht von Regen, der ander von Schnee ab 2.300m Höhe und der nächste schreibt von 5h Sonnenscheindauer ohne Regen. Wenn ich wählen dürfte: letztere Variante, ganz klar.

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Gemeinsam sind wir stark

Eigentlich sollte heute mein Kollege und ein weitere Fahrradkollege ankommen. Mein Kollege traf bereits gestern ein, zu meinem Erstaunen. Und heute dann wie geplant der zweite, allerdings mit 1h Verspätung. Wir hatten aber trotz des super Wetters mit unserer kurzen Ausfahrt gewartet. Letztendlich ging es dann mit den fast letzten Sonnenstrahlen im Tal los… also so gegen 17 Uhr.

Ich war der Guido… also der Typ, der heute ansagen durfte, wo es langgeht. Ich durfte mir schon anhören „Du schickst uns doch dort hin, wo du uns gleich stehen lassen kannst… an irgendeinen Berg…“. Ganz so falsch sollten sie nicht liegen, aber das liegt eher daran, dass ja hier nur Berge sind, also was sollte ich anderes machen😉 .

Ich führte sie hinauf nach Vent – das schien mir relativ vernünftig. Ich kannte die Strecke ja vom Montag und wusste, was auf mich zukommen würde. So konnte ich es ruhig angehen lassen… naja… ruhiger – sprechen wir nicht gleich von ruhig.

Zu dritt fahren macht einfach mehr Spaß als allein. Wir sind auch zusammen geblieben, sehr fein. Angekommen in Vent auf 1.900m Höhe gab es eine kurze Ansage „Eine Minute Pause, dann geht’s zurück.“. An dieser Stelle möchte ich festhalten, dass diese Ansage nicht von mir kam! Und schon ging es wieder zurück. Und weil ich bergauf der Guido war, durfte ich es auch gleich bergab sein.

Bergab… ich der Guido… wie mies. Die anderen wiegen 10 bis 20kg mehr als ich. Was heißt das in der Abfahrt? Die beiden rollen und ich muss kurbeln wie ein Weltmeister. Pff… Dennoch fühlte ich mich heute ein ganzes Stück besser als am Montag. Ein klein wenig hat sich das auch in den Zahlen zur heutigen Runde abbilden lassen.

Irgendwann kamen wir dann doch im Tal an und rollten noch fein durch Sölden zurück. Heute waren extrem viele Radfahrer unterwegs. Das bezeugte selbst unsere Hausgastgeberin mit Entsetzen „Hier sind heute mehr Radfahrer unterwegs gewesen als Autofahrer…“ (den österreicher Dialekt bekomme ich hier nicht abgebildet😀 ).

Unser letztes Teammitglied sollte eigentlich morgen ankommen… sollte… ist aber dann doch schon heute abend an unserer Zimmertür gewesen. Tja… so ist das mit der Planung.

Da das Wetter morgen nicht so prickelnd werden soll, wollen wir morgen die Startunterlagen organisieren und uns dann zum Jaufenpass und Timmelsjoch machen… mit dem Auto, wohlbemerkt.

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