Kärnten: hoch hinaus, fast erfroren und vom Winde verweht

Zugegeben: es war kurzfristig. Als die Eltern samt Hund in ihren wohlverdienten Urlaub entfliehen wollten, stellte ich fest, dass auch ich Urlaub geplant hatte – auf dem Papier. Nach kurzer Rücksprache war klar, wo es hingeht: zu den Eltern :-D . Da bin ich prakmatisch, denn ich wollte einfach nur Berge haben. Am Sonntag sollte es dann um 5 Uhr mit Rad im Auto losgehen. Geworden ist es dann doch erst 5:30 Uhr. Für lange Strecken ist das Rad im Auto einfach die bessere Wahl, für Kurzstrecken allerdings lieber auf dem Dach, da es einfacher zu handhaben ist.

Ziel war also Kärnten, genauer gesagt Feldkirchen in Kärnten. Die Wetteraussichten waren… durchwachsen. Im Prinzip änderte sich jeden Tag die Vorherssage für die kommenden 4 Tage – schrecklich. Das Schlimmste, was passieren konnte, war Regen. Unterwegs sank das Thermometer auf 4°C – ich neigte dazu zu bereuen, meine Winterbekleidung zu Hause gelassen zu haben. Nachdem ich dann nach gut 800km ankam, empfing mich ein durchnässter Hund und meine Eltern begrüßten mich samt Schirm: also das Schlimmste war Realität: Regen. Boah hatte ich eine Laune…

Aber was soll’s!? Wie sehr hätte ich mich aufregen müssen, dass das Wetter besser wird? Also Rad ausgepackt, angezogen und im strömenden Regen eine erste kleine Runde gedreht. Dort, wo ich hinwollte, bin ich natürlich nicht angekommen, habe mich in diesen unzähligen winzigen Straßen verfranzt – und nein, ich bin keine Frau! Jedenfalls merkte ich, dass ich irgendwie im Kreis gefahren bin… nunja… störte mich nicht wirklich. Ich war klatschnass, es waren so um die 14°C und am Ende waren knapp 30km und 600Hm zum Einrollern passiert. Die Hotelfrau meinte, es sollte am Montag besseres Wetter werden… meinte sie…

Am Montag, dem 1. Tag, wenn man so will, regnete es zumindest nicht mehr. Von daher hatte die Hotelfrau richtig gelegen mit ihrer Aussage. Aber kein Regen heißt nicht, dass es schön ist. Es war nebelig, keine Sonne und mit um die 14°C auch nicht sonderlich warm. Angekleidet nach dem Zwiebelprinzip ging es los zur Nockalmstraße. Die langen Handschuh verfluchte ich auf dem Weg (ca. 500Hm) von Feldkirchen nach Ebene-Reichenau. Es war windig stürmig, man musste bergab kurbeln und die Handschuh waren nass… aber nicht vom Regen… In Ebene-Reichenau ging es dann links zur Nockalmstraße weg und geradeaus zur Turracher Höhe, was mit einem Schild von 23% Steigung eingeleitet wurde. Ich blieb bei der Entscheidung für die Nockalmstraße. Nach 200Hm kam die Mautstation, wo ich freundlich fragte, was ich denn zahlen soll. Im Prinzip weiß ich, dass die Radfahrer nichts kosten, aber ich finde es einfach nur freundlich nachzufragen und manchmal kommt auch ein kurzes Schwätzchen zu Stande. Das passierte allerdings eher selten, denn oft verstand ich nichtmal das erste Wort…
Komisch fühlte es sich an. Die Steigung wurde stetig größer… einstellig, bald zweistellig und ich dachte mir so “Yeah… alter Schwede… warum tust du dir das an?” Die Antwort schon vorweg genommen: Weil es ein unglaublich geiles Gefühl ist den Berg bezwungen zu haben und es geschafft zu haben!
Die Steigung ist das Eine, der Gegenwind ist das Andere. Den Wind bezeichne ist nicht mehr als Wind sondern als böhigen Sturm, was das Fahren ziemlich schwierig machte. Mir graute schon ein wenig vor der Abfahrt. Oberhalb der Baumgrenze war es dann richtig schlimm, ich war froh, dass ich den letzten Kilometer dann endlich hinter mir hatte. Wenn rechts keine Leitplanke ist, es dort aber weit nach unten geht, der Wind von links bläst… da wird einem schon anders. So kam es, dass ich versucht habe in der Mitte der gesamten Straße zu fahren, damit ich Platz zum Ausgleichen habe (der Verkehr ließ es zu, es war im Prinzip keiner vorhanden). Bereits kurz bevor ich oben angekommen bin, auf 2024m Höhe, dachte ich, ich sehe nicht richtig: Schnee. Klar… irgendwie logisch, aber für mich als Flachlandtiroler schon ungewöhnlich im Juni, zum Sommeranfang, Schnee zu sehen. Das Thermometer zeigte nur noch 4°C an. Gepaart mit dem Sturm… es war nicht wirklich schön. Von der anderen Seite nahte ein Reisebus, bis unter die Kante gefüllt mit Rentnern. Meine Chance – mein Plan: an den Bus hängen und damit versuchen dem Sturm zu entkommen. An sich eine gute Idee, nur sind die Fahrzeuge, egal ob Bus oder Pkw, bergab einfach nur langsam… Ich kam mit Bremsen gar nicht hinterher. Bald rollerte ich vorbei, rechnete bereits mit dem Seitenwind und der kam auch: die gesamte Straße gehörte kurzzeitig mir allein. Es war beruhigend, als ich wieder ein paar Bäume um mich herum hatte.
An der Mautstation kam ich mehr oder weniger zitternd an. Ursprünglich wollte ich die gesamte Nockalmstraße fahren, also rauf, bisl runter, bisl rauf, runter und wieder zurück. Das Wetter, mein körperliches Befinden und Bedenken ließen dies nicht zu. Es ging folglich auf direktem Wege zurück nach Feldkirchen. Am Ende der “Runde” waren es dann 93km und 1.700Hm.

Der 2. Tag begann schon wesentlich freundlicher: die Sonne schien. Zwar gab es hier und da noch ein paar Wolken, aber hey… es war Sonne zu sehen. Im Hotel erneut das Wetter geprüft, denn ich wollte nochmal auf die Nockalmstraße und evtl. noch direkt die 23% zur Turracher Höhe. Das Wetter sollte unverändert zum Vortag sein – schlechte Karten für mich. Die Hotelfrau schaute noch ein wenig weiter in der Gegend und empfahl mir dann die andere Richtung – da sei es freundlicher. Die andere Richtung war Villach. Was gibt es da? Nun, der Weg nach Villach führte auf der Südseite des Ossiacher Sees entlang. Hier bekam ich auch endlich die ersten Radfahrer zu sehen, die außer mir unterwegs waren. Von Villach aus ging es dann auf die Villacher Alpenstraße. An der Mautstation ein kurzer Plausch über das Wetter oben und los ging’s. Sehr schöner Asphalt, ein paar Kehren, einige Rampen zwischendrin und insgesamt sehr übersichtlich, was sich auf der Abfahrt noch viel besser feststellen ließ. Am Ende der Alpenstraße gab es für mich einen Kaffee und eine flasche Leitungswasser :-) . Die Blicke der Leute sind aber auch irgendwie besonders, aber auch nachvollziehbar, denn es sieht schon merkwürdig aus, wenn man zwischen 20 Fahrzeugen einen leicht begleiteten Radfahrer sieht. Frisch “gestärkt” ging es wieder hinab ins Tal. Die Villacher Alpenstraße bietet neben mehreren kleineren Parkplätzen mit Aussichtsmöglichkeiten für uns Radfahrer einen schönen Asphalt und sehr übersichtliche Kurven. Nahezu keine Bodenwellen oder ähnliche Unebenheiten… es war einfach herrlich, kann ich sehr empfehlen.
In Villach wieder angekommen ging es auf der Nordseite des Ossiacher Sees nach Bodensdorf, wo es zu den Gerlitzen hinauf geht. Der Asphalt oder was auch immer das mal war, war mies und das sollte leider die gesamte Auffahrt so bleiben. Ich musste ab und zu anhalten um einfach mal durchzuatmen, mir etwas neues zu schießen oder einfach überhaupt mal zu schauen, wie klein denn die Schiffe auf dem Ossiacher See sind :-) . Ansonsten ist diese Auffahrt eher unspektakulär. Die Straße ist schmal, der Asphalt auf- und ausgebrochen, die ausgebrochenen Stücke können bei der Abfahrt hinderlich sein… es war äußerste Vorsicht geboten. Der Weg endete auf dem Feuerberg, von wo aus es noch ein paar Meter unbefestigten Weg zu den Gerlitzen hinauf ging – was ich mir schenkte. Ich kehrte im Hotel ein und verlangte einen Kaffee. Als ich die Tasse sah, dachte ich, sie sei leer. Erst, als ich wirklich in die Tasse schaute, bemerkte ich, dass da wirklich ein klein wenig Kaffee hineingelaufen ist. Ich war kurz davor etwas zu sagen, ich fühlte mich leicht veralbert. Ich schenkte mir diese unnötige Aufregung und ging wieder raus auf den Bock. Hinab ins Tal, schön vorsichtig. Unterwegs ein weiterer Kämpfer, der noch mind. die Hälfte vor sich hatte – ein freundliches “Servus.” von beiden und weiter ging’s. Endlich unten angekommen, ohne Zwischenfälle, ging es an der Nordseite des Ossiacher Sees weiter Richtung Feldkirchen. Und da war er, der Hungerast. Ich dachte, es reicht noch die letzten 10km, da brauch ich nichts mehr einwerfen, aber dem war wohl nicht so. Also nachgeschoben und dann ging’s auch bald schon – das war ein Fall von “Lernen durch Schmerz.”. Nach über 6h, 3.000Hm und 130km bin ich dann im Hotel angekommen. Fertig… aber irgendwie glücklich.

Der 3. Tag, der Tag der Abreise. Den Plan, vor der Heimfahrt noch eine Ausrollerrunde zu bestreiten, verwarf ich. Ich hatte noch 800km vor mir, muss am nächsten Tag wieder arbeiten und wollte nicht erst in der Nacht zu Hause sein. So startete ich die Heimreise bei strahlendem Sonnenschein (wie übrigens auch die kommenden Tage der Woche sein sollen!).

So sind es im Alleingang knapp 250km und 5.300Hm geworden. Fotos habe ich keine gemacht, es war entweder zu nass, es war niemand, der mich hätte fotographieren können oder ich habe es schlichtweg vergessen.

PS.: Strecken und Profile reiche ich nach… erstmal schlafen.

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6 Antworten zu Kärnten: hoch hinaus, fast erfroren und vom Winde verweht

  1. bbbaschtl schreibt:

    Na jetzt kann der Öztaler ja kommen, viel schlimmer wird es kaum. Obwohl, den 23 Prozenter hättest Du Dir schon noch gönnen können. ;-) Und immer essen BEVOR der Hunger kommt!

  2. gpway schreibt:

    herrlicher Bericht, in 3 Wochen bin ich auch in Kärnten, laufe übrigens den Ossiacher Nachthalbmarathon, dass MB kommt auch mit! LG

  3. Martin schreibt:

    @bbbaschtl
    Ich sehe den Ötztaler (zum Glück) noch nicht kommen – im Moment kommen so langsam die ersten Zweifel auf. Wenn ich nach 3.000Hm und 130km platt bin, dann weiß ich aktuell nicht, wie ich da noch 110km weiter und 2.500Hm höher fahren können soll.
    Die Sache mit dem Hunger war eine klassische Fehleinschätzung – die ich nun gemacht habe und hoffentlich daraus gelernt habe.

    @gpway
    Um den Ossiacher See hast du schöne Radwege. Die Villacher Alpenstraße kann ich dir auch mit dem MTB wärmstens empfehlen. Damit kommst du dann auch noch höher bis zum Gipfelkreuz. Viel Spaß schonmal :-) .

  4. Tourismuszukunft schreibt:

    Hallo Rettlaua,

    wir wollten dir gerne ein paar Informationen zur Wolfgangsee Challenge (einem Marathon in Österreich)
    zukommen lassen, da wir dachten, dass es für dich eventuell interessant wäre auf deinem Blog darüber zu berichten. Bei Interesse kannst du dich gerne unter der Email s.puereschitz@tourismuszukunft.de bei uns melden!

    Lg das Team von Tourismuszukunft

  5. nachrichten schreibt:

    Wirklch sehr informativ! Werde aufjedenfall wieder kommen. Danke fuer den Beitrag.

    Gruss
    Andres

  6. Pingback: 2010 war ein sportlich erfolgreiches Jahr | Rennrad Tischtennis Laufen und anderes

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